Ist Stress am Arbeitsplatz ein persönliches Problem?

Nicht, wenn die Belastung von oben kommt und die Zuständigkeit unten landet
Anfang August wurden zwei Zahlenreihen veröffentlicht, die man zusammen lesen sollte.
Die erste stammt aus einer YouGov-Befragung im Auftrag von Swiss Life Deutschland, der IGBCE und der ChemieRente. Befragt wurden 1.153 Beschäftigte aus Chemie, Energie, Pharma, Bergbau und verwandten Industrien. 44 Prozent geben an, im letzten Jahr eine erhöhte körperliche oder psychische Belastung zu verspüren; auf weitere 29 Prozent trifft das teilweise zu. Zusammen fast drei Viertel.
Interessanter als die Höhe ist die Begründung. Die Befragten nennen als Hauptursachen: zusätzliche Arbeit durch Kosteneinsparungen und Effizienzprogramme (49 Prozent), Personalabbau und nicht nachbesetzte Stellen (48 Prozent), häufige Umstrukturierungen und kurzfristige Prozessänderungen (40 Prozent). In der Produktion berichten 59 Prozent von Mehrbelastung, in Verwaltung, Entwicklung und Labor 37 Prozent.
Das sind keine persönlichen Umstände. Das sind Entscheidungen. Sie fallen in Sitzungen, an denen die Betroffenen nicht teilnehmen.
Die zweite Zahlenreihe kommt von der Kaufmännischen Krankenkasse. Akute Belastungsreaktionen und Anpassungsstörungen — die Diagnosegruppe F43 — haben einen Höchststand erreicht: knapp 119 Krankentage je 100 Versicherte im vergangenen Jahr. 2017, zu Beginn der Erhebung, waren es rund 66. Ein Anstieg um fast 80 Prozent in acht Jahren. Es ist inzwischen die häufigste psychische Diagnose bei Berufstätigen und der dritthäufigste Krankschreibungsgrund überhaupt.
Zwischen diesen beiden Zahlenreihen liegt eine Bewegung, über die selten gesprochen wird.
Die Belastung wechselt die Adresse
Sie beginnt organisational. Ein Unternehmen streicht Stellen und verteilt die Arbeit auf die Verbliebenen. Ein Effizienzprogramm verdichtet Prozesse. Eine Umstrukturierung macht Routinen unbrauchbar, die vorher Sicherheit gaben.
Und dann geschieht etwas Bemerkenswertes: Aus dem Satz „hier arbeiten zu wenige Menschen für zu viel Arbeit” wird der Satz „diese Person kommt mit dem Druck nicht klar.”
Die Belastung ist dieselbe geblieben. Nur ihre Zurechnung hat sich verschoben. Sie war ein Merkmal der Organisation, jetzt ist sie ein Merkmal des Menschen.
Der zweite Schritt folgt prompt, und er kommt in freundlicher Form: als Angebot. Resilienztraining, Achtsamkeitsseminar, Gesundheitstag, eine App fürs Handy. Man reicht dem Einzelnen ein Werkzeug für ein Problem, das er nicht verursacht hat und nicht abstellen kann. Wer danach immer noch erschöpft ist, hat die Übungen offenbar nicht ernst genug genommen.
Am Ende steht der Diagnoseschlüssel. F43. Ein medizinischer Code, ausgestellt auf den Namen eines Menschen — nicht auf den eines Unternehmens. Damit ist die Verschiebung abgeschlossen. Die Person ist krank. Das System funktioniert.
Eine Anmerkung zur Quelle
Die Befragung wurde von einem Versicherer beauftragt, der Berufsunfähigkeits- und Grundfähigkeitsversicherungen anbietet, und die Pressemitteilung mündet in genau diese Empfehlung. Das macht die Zahlen nicht falsch. Aber es zeigt, wie selbstverständlich der Reflex geworden ist: Belastung wird festgestellt — und die Antwort ist ein Produkt für den Einzelnen.
Warum ich das schreibe, obwohl ich selbst Werkzeuge anbiete
An dieser Stelle muss ich über meine eigene Position sprechen, sonst wird der Text unehrlich.
Ich arbeite mit Menschen an ihrer Stressregulation. Ich verändere damit keine Arbeitsbedingungen. Ich stehe also mitten in dem Mechanismus, den ich gerade beschrieben habe.
Deshalb kommt es darauf an, wozu reguliert wird. Und da gibt es zwei Varianten, die von außen fast gleich aussehen.
Regulation, damit du weiter funktionierst. Das ist die verbreitete Form. Atme durch, komm runter, halte durch. Sie stellt die Belastbarkeit wieder her, damit dieselbe Last weiter getragen werden kann. Sie ist ein Reparaturbetrieb im Dienst der Verhältnisse. Und sie ist der Grund, warum viele Menschen zu Recht misstrauisch werden, wenn ihnen jemand Achtsamkeit anbietet.
Regulation, damit du wieder wählen kannst. Das ist etwas anderes. Ein Nervensystem im Daueralarm arbeitet mit eingeschränkter Ausstattung. Der Blick verengt sich auf das Unmittelbare, das Denken wird kurzfristig, die Bewertung fällt vorschnell aus. In diesem Zustand kannst du reagieren, aber nicht entscheiden. Du kannst durchhalten, aber nicht abwägen. Und vor allem: Du kannst nicht mehr unterscheiden, was deine Aufgabe ist und was dir zugeschoben wurde.
Genau diese Unterscheidungsfähigkeit kommt zurück, wenn dein System herunterkommt. Nicht als Erleichterung, sondern als Urteilsvermögen. Und dann werden Sätze wieder denkbar, die vorher gar nicht auftauchen konnten. Das ist nicht mein Job. Das ist nicht mein Tempo. Das halte ich nicht für richtig. Ich brauche eine andere Stelle.
Regulation macht nicht fügsam. Sie macht handlungsfähig. Der Unterschied entscheidet sich nicht an der Methode — es kann dieselbe Atemübung sein —, sondern an der Frage, was du mit der zurückgewonnenen Kraft anfängst.
Was daraus folgt, und was nicht
Ich schreibe das nicht, um zu sagen: Ändere deine Verhältnisse, alles andere ist Symptombehandlung. Für die meisten Menschen ist der Satz „dann kündige eben” keine Option, sondern ein Hohn.
Aber die umgekehrte Botschaft ist genauso falsch. Wenn dein Stress aus Personalabbau und Arbeitsverdichtung stammt, dann ist deine Erschöpfung keine mangelnde Resilienz. Sie ist eine angemessene Reaktion auf unangemessene Bedingungen. Diesen Satz zuerst zu setzen, verändert alles Weitere.
Denn was danach kommt, ist nicht Anpassung, sondern etwas anderes. Du regulierst dein System, weil du sonst nicht denken kannst. Du legst ab, was nicht deins ist — die Verantwortung für Lücken, die andere gerissen haben, den Anspruch, eine Unterbesetzung durch Mehrleistung auszugleichen. Und erst dann baust du auf: Kraft, Klarheit, und die Fähigkeit zu entscheiden, was du mit deiner Lage machst.
Regulieren. Ablegen. Aufbauen.
Nicht, um mehr auszuhalten. Sondern um wieder wählen und Entscheidungen treffen zu können.




Kommentare